SOPHIE DVOŘÁK


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Landstriche
Thomas D. Trummer

Es sind durchwegs schmale Leisten. Sie sind zerbrechlich, elegant und klassisch. Miniaturen auf weißen Gründen, fragile Ausschneidebögen auf hellem, makellosem Weiß. Wie Richtmaß, Fühler oder feingliedrige Lineale sind diese Geraden gesetzt. Obwohl sie Struktur und Konstrukt bilden, schweben sie als zierliche Fahrbahnen auf den leeren Bildgründen. Ihr Halt ist das Format. Sie sind rechtwinkelig wie die Buchseiten, auf denen sie erscheinen und doch in deren Weite verloren. Sie sind Randmarken und Bordüren, dünn und ziseliert wie Stickereien. An einem ihrer Ecken befindet sich eine Nummerierung. Die altertümliche Schreibweise “No” mit einem hochgestellten “o” fällt auf. Sie erinnert an das 19. Jahrhundert, an alte Bildbände und schwere, gelbstichige Folianten. Tatsächlich handelt es sich um einen Atlas aus 1967. Aus der Nummernfolge ergibt sich die Reihung der Landkarten. Am unteren Bildrand sind die Länder in niederländischer Sprache bezeichnet: Deutschland, Frankreich, Portugal, der Balkan, Vorderasien, Südamerika und einige andere mehr. Ihre Umrisse sind nicht nur wegen der heute veränderten politischen Kartografie nicht zu entziffern. Vor allem, weil die dargebrachten Territorien bis auf wenige Bruchstücke beschnitten sind. Nur wenige Teile sind herausgelöst, der Verbleib der übrigen unbekannt. Merkwürdig miniaturisiert kehren sie in der Collage wieder. Territoriale Gerinsel, die auf Randphänomene reduziert sind. Damals zur Zeit der Entstehung des Buches hatten die europäischen Großmächte ihre koloniale Vergangenheit großteils zurückgelegt. Zuvor hatten sie weite Teile der außereuropäischen Welt unterworfen. Die Hierarchie geografischer Massen begann sich umzukehren. Zuvor waren die fremden Reiche oft um vieles Größer als das herrschaftliche Kernland. Man denke an das von England beherrschte Indien. In diesen Bildern aber erscheinen die weltsüchtigen Eurozentristen selbst marginalisiert. Es sind nur mehr Bruchstücke übrig, Pufferzonen, Grenzland, Meeresengen, Halbinseln und schmale Landkorridore. Diese Restgebiete sind angeheftet an die Rahmenleisten der Bildtafeln, die sie ehemals zierten. In der Karte von Südostasien kreuzen und verhacken sie sich. In Vorderasien formen sie sich zu seinem schlanken “T”. Nur die “Weltkarte” weist Rundungen auf. Weit entfernt davon als Füllmasse begreifbar zu werden, klammern sich die Länder an die Rahmen, als wären die schlanken Geraden ihre Lebensadern. Allenthalben dringen die Rahmen in die Territorien ein, verletzen sie und scheinen doch Sicherheit zu geben, weil sie den Landzonen ein klares Binnenraster und feste Fügung verleihen. Allerdings sind von den Rahmen nur Winkel zu sehen. Sie schließen sich nicht um das Bild, sondern öffnen es wie die Strahlen eines Koordinatensystems. Auch eine Zusammensetzung würde die Rahmen nicht vervollständigen. Geometrische Fixpunkte entstehen in einem numinosen All des Nichts.
Substanzlos sind diese Territorien, die sich selbst an Grenzen heften. Sie scheinen verletzlich und ausgesetzt, kaum mehr als Abrissreste. Die wenigen Binnenzeichnungen zeigen Gebirgsformationen, spärliche Hügelketten oder Entwässerungen. Manchmal hängen sie am Rahmengerüst wie an einem seidenen Faden. Neben den unruhigen Außenkonturen ist diesen Gebilden, die im Wortsinn Landstriche bilden, ein Hauch von Räumlichkeit zu eigen. Ihr zarter Ton in Mintgrün, Rosa und Türkis gleicht sich den Pastellfarben der Rahmen an. So treten sie als blasse Flachreliefs hervor. Manche dieser Küstenstreifen und Wegmarken wirken als wären sie der Verschnitt, der der linearen Vermessung der Welt anfällt, letzte Zeugnisse vielleicht großer, weitläufiger Staaten und Gebiete, die untergegangen oder aus unerfindlichen Gründen von ihren Kernregionen getrennt wurden. Andere zeigen Meere, Lagunen und Archipele, ja sogar Landzungen, die wie Schleusen funktionieren. Wieder andere bauen sich auf, lassen das Bild kippen, fordern seinen Blick in der Vertikale, wie No 5. Auf einem liegenden Winkel setzt in dieser Collage ein stehender auf. Er wächst aus der Horizontlinie eines Gebirgsmassivs, das sich dennoch klein ausnimmt angesichts des steifen Auslegers, der aus ihm hervordringt. Doch niemals formen sich die Landmassen zu großen homogenen Binnengebieten. Es gibt kein weites Land.
Das Bild von seinen Rändern her denken, ist die Maxime von Sophie Dvořák. Ihr Sinn für das Bibliophile ist zu spüren, ebenso die Vorliebe für die Zeichnung der Kartografie, die stets mehr ist als geografische Wirklichkeit, sie ist Spur, Zeichen, persönliche Deutung. Mit dem Skalpell legt Dvořák die Grenzbeziehungen frei, die in der Denkgeschichte seit Kant Parerga heißen. Der Begriff meint die Doppeldeutigkeit des Rahmens, der als Rand sowohl dem Innen als auch dem Außen angehört. Das Unvollständige an diesen Randmarken deutet die Zerbrechlichkeit dieses Zustandes an und macht verstehen, dass Längen- und Breitengrade sowie gegenwärtige GSM-Daten nichts anders als mechanistische Hilfsinstrumente sind. Sie werden der Physiognomie der Erde auferlegt, bleiben in gewisser Weise aber ungelenk und unmenschlich, wie die merkwürdigen Fixierungen und Stützpunkte, die Dvořák setzt. An sie knüpft sich ein Veränderliches und Lebendiges. Nicht zufällig haben manche diese Landschaftspartikel eine Ähnlichkeit zu Sezierproben. Sind nicht Landstriche wie Nervenbahnen, Gewebsproben oder Gefäßbahnen? Ist nicht die Landschaft ein Bild unseres Selbst?